Bid und Ask: der unsichtbare Kostenfaktor, den fast alle Anfänger ignorieren
Als ich 2019 meine erste Optionsposition eröffnete, wunderte ich mich, warum mein Broker mir sofort einen Buchverlust von 1,8 % anzeigte. Nichts hatte sich bewegt. Der Markt stand still. Und trotzdem war ich plötzlich im Minus. Die Antwort lag nicht an einer Gebühr, die ich übersehen hatte, sondern an etwas, das in jeder Kursanzeige steckt, aber selten erklärt wird: der Bid-Ask-Spread.
Ich habe drei Jahre gebraucht, um wirklich zu verstehen, was Geld- und Briefkurs bedeuten – nicht die Definition, sondern das, was sie für mein Konto tun. Dieser Artikel ist das, was ich damals gebraucht hätte.
Wichtige Erkenntnisse
- Bid (Geldkurs) = der Preis, zu dem du verkaufen kannst. Ask (Briefkurs) = der Preis, zu dem du kaufen kannst.
- Die Differenz dazwischen ist der Bid-Ask-Spread, auf Deutsch: Geld-Brief-Spanne.
- Der Spread ist eine implizite Handelskosten – kein Ausweis, keine Rechnung, aber real.
- Kleine Spreads bedeuten liquide Märkte, große Spreads bedeuten teure Trades.
- Bei einem Round-Trip (Kauf + Verkauf) zahlst du den Spread zweimal.
- Der Spread schwankt je nach Uhrzeit, Volatilität und Asset-Klasse teils erheblich.
Was ist Bid und was ist Ask?
Die Begriffe klingen technisch, sind aber simpel, sobald man einmal das Bild im Kopf hat. Stell dir einen Flohmarkt vor: Auf der einen Seite steht jemand, der deine alte Uhr für 40 Euro kaufen will. Auf der anderen Seite steht jemand, der dieselbe Uhr für 45 Euro verkauft. Der Spread beträgt 5 Euro, und du sitzt genau in der Mitte.
Genau das passiert im Orderbuch.
Bid = Geldkurs: der Preis, zu dem du verkaufen kannst
Der Bid ist der höchste Preis, den ein Käufer gerade bereit ist zu zahlen. Für dich als Halter bedeutet das: Wenn du zum Bid verkaufst, gehst du sofort raus, ohne warten zu müssen. Der Bid ist damit der realistischere Preis, wenn du Liquidität brauchst.
Ask = Briefkurs: der Preis, zu dem du kaufen kannst
Der Ask (oder Briefkurs) ist der niedrigste Preis, zu dem jemand gerade verkaufen will. Kaufst du zum Ask, zahlst du den Aufschlag. Zwischen beiden liegt die Spanne – und die gehört niemandem außer dem Markt selbst.
Bei liquiden Werten wie dem EUR/USD liegt der Spread oft bei 0,1 bis 0,5 Pips, also Bruchteilen eines Prozents. Bei kleinen Nebenwerten dagegen kannst du locker 2–3 % Spread finden. Bei letzteren sind das nicht Gebühren — die kommen noch oben drauf.
Wie du den Bid-Ask-Spread berechnest (mit echtem Beispiel)
Keine Quelle in den Top-Ergebnissen zeigt eine konkrete Rechnung. Das ist eine Lücke, und ich finde sie erstaunlich, denn ohne Beispiel bleibt das Konzept abstrakt.
Nehmen wir eine Aktie, die gerade so gehandelt wird:
| Seite | Preis | Bedeutung für dich |
|---|---|---|
| Bid | 100,05 € | Du kannst hier verkaufen |
| Ask | 100,07 € | Du kannst hier kaufen |
| Spread | 0,02 € | Deine impliziten Kosten pro Stück |
In Prozent: 0,02 / 100,06 ≈ 0,02 %. Klingt nach nichts. Jetzt stell dir vor, du handelst 20 Mal im Jahr rein und raus. Jedes Mal zahlst du den Spread. Bei 0,02 % × 2 × 20 = 0,8 % Renditeverlust im Jahr — nur durch den Spread. Ohne Trade, ohne Gebühr, einfach weg.
Und jetzt das unangenehme Gegenbeispiel: eine Small-Cap-Aktie mit Bid 10,00 € und Ask 10,30 €. Spread: 3 %. Ein einziger Round-Trip kostet dich 6 %. Sechs Prozent. Bei einer Aktie, die im Jahr vielleicht 8 % macht.
Warum ist der Spread mal winzig, mal riesig?
Der Spread ist keine Konstante. Er ist ein Signal. Und wer ihn lesen kann, weiß sofort, ob ein Markt gerade freundlich zu ihm ist – oder nicht.
Liquidität ist der wichtigste Faktor
Viel gehandelte Instrumente haben viele Marktteilnehmer, die sich gegenseitig unterbieten. Ergebnis: engere Spanne. Bei dünn gehandelten Werten muss ein Market Maker mehr Risiko tragen, und das lässt er sich bezahlen – über den Spread.
Volatilität bläht den Spread auf
Bei hoher Unsicherheit ziehen Market Maker ihre Kurse auseinander. Ich habe das während der Corona-Turbulenzen im März 2020 live erlebt: Ein ETF, der sonst mit 0,05 % Spread gehandelt wurde, sprang auf über 1 %. Wer in dieser Zeit panisch verkauft hat, hat den Spread mitbezahlt — zusätzlich zum Kursverlust.
Uhrzeit und Handelssession
Außerhalb der Haupthandelszeiten (z. B. vor 9:00 Uhr oder nach 20:00 Uhr deutscher Zeit) sind die Bücher dünner. Der Spread weitet sich. Wenn du langfristig investierst, ist das egal. Wenn du kurzfristig handelst, ist es ein direkter Kostenfaktor.
Die Bid-Ask-Eselsbrücke, die bei mir hängen geblieben ist
Ich habe mir früher ständig vertauscht, welche Seite welche ist. Bis mir jemand einen Merksatz gegeben hat, den ich seitdem nie wieder vergessen habe:
„Bid klingt wie Bieten – aber aus Sicht des Käufers, der dir etwas abkauft." Und: „Ask ist die Frage, die der Verkäufer dir stellt — zu welchem Preis er verkauft."
Kurz, praktisch:
- Bid → ich verkaufe, also bekomme ich den niedrigeren Preis.
- Ask → ich kaufe, also zahle ich den höheren Preis.
- Der Spread landet nie bei dir, immer beim Markt.
- Und wenn du auf einen Kurs schaust: Der bid ist fast immer der, den du beim Verkauf bekommst.
Klingt banal. Aber ich habe in Foren Diskussionen gesehen, in denen erfahrene Trader sich über genau diese Zuordnung gestritten haben. Also: kein Grund zur Scham, wenn es beim ersten Mal nicht sitzt.
Der Spread ist eine unsichtbare Gebühr — und wird systematisch unterschätzt
Broker werben mit „0 € Ordergebühren". Was sie nicht bewerben: Der Spread bleibt. Bei manchen Neobrokern ist er sogar die Haupteinnahmequelle, weil sie nicht an der Order, sondern an der Spanne verdienen.
Ich habe für mich grob überschlagen, was das über ein Jahr ausmacht. Bei einem Depotwert von 20.000 € und einer durchschnittlichen Handelsfrequenz von 15 Round-Trips pro Jahr, mit einem durchschnittlichen Spread von 0,15 % pro Seite, komme ich auf:
20.000 € × 0,15 % × 2 × 15 = 900 € reine Spreadkosten.
Das ist mehr als die meisten Depotgebühren. Und es steht auf keinem Kontoauszug. Es ist einfach verschwunden.
Gilt das auch für Anleihen?
Ja. Bei Unternehmensanleihen ist der Spread oft deutlich größer als bei Aktien, weil Anleihen überwiegend außerbörslich (OTC) gehandelt werden. Bei kleineren Emissionen können Spannen von 0,5 % bis 2 % normal sein — ein Grund, warum ich bei Anleihen fast ausschließlich über ETFs gehe statt direkt zu kaufen.
Was du konkret daraus machen kannst
Ich will hier nicht klingen wie jemand, der sagt: „Handle einfach gar nicht." Das wäre Unsinn. Aber ein paar Strategien haben bei mir wirklich etwas verändert.
- Limit-Orders statt Market-Orders. Bei Market-Orders nimmst du den Spread blind in Kauf. Bei Limit-Orders bestimmst du deinen Preis — und landest manchmal mitten im Spread.
- Liquidität prüfen, bevor du einsteigst. Wenn der Spread bei deiner Wunschaktie über 0,5 % liegt, frag dich, ob die Story wirklich so gut ist.
- Handelszeiten beachten. Wer innerhalb der ersten und letzten 15 Minuten handelt, zahlt oft unnötig.
- Spread in Prozent rechnen, nicht in absoluten Zahlen. 0,02 € klingt harmlos — 3 % nicht. Ohne Prozentrechnung siehst du das nicht.
- Und ehrlich: Bei langfristigen ETFs mit engen Spreads (0,05 % ist machbar) ist das Thema fast irrelevant. Bei Einzelaktien-Trading ist es zentral.
Die Wahrheit ist: Der Spread ist kein Feind. Er ist der Preis dafür, dass der Markt funktioniert. Ohne Market Maker, die Bid und Ask stellen, gäbe es keine sofortige Ausführung. Aber als Trader oder Investor solltest du wissen, dass du zahlst. Immer. Auch wenn keine Rechnung kommt.
Ich habe drei Jahre gebraucht, um das in meiner Rendite zu spüren. Du kannst es in zwanzig Minuten verstehen — wenn du dir einmal ein echtes Orderbuch ansiehst, statt nur auf den letzten Kurs zu starren.